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Warum ich Kurzsichtigkeit immer mehr als Krankheit betrachte

mag. Kristina Mikek, dr. med.

mag. Kristina Mikek, dr. med.
Fachärztin für Augenheilkunde

2933 min01. 04. 2025

KurzsichtigkeitSehschärfeAugengesundheit

Kurzsichtigkeit, auch bekannt als Minus-Dioptrie, verursacht schlechtes Sehen in die Ferne. Bereits etwa 30 % der Weltbevölkerung sind kurzsichtig. Dieser Prozentsatz steigt so schnell an, dass laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis zum Jahr 2050 bereits die Hälfte der Menschheit kurzsichtig sein wird.

Vor kurzem hat die US-amerikanische Nationale Akademie der Wissenschaften (National Academy of Sciences, kurz NAS) die Definition von Kurzsichtigkeit geändert. Sie wird nicht mehr nur als Refraktionsfehler angesehen, sondern als Krankheit. Hohe Kurzsichtigkeit (über -6 Dioptrien) verursacht nämlich langfristig ernsthafte krankhafte Veränderungen, die das Sehvermögen beeinträchtigen und sogar zur Erblindung führen können. Der irische Augenarzt Dr. Ian Flitcroft konnte in einer aktuellen Studie nachweisen, dass das Risiko für Augenerkrankungen wie Netzhautablösung, Glaukom, Grauer Star und myopische Makulopathie proportional mit der Höhe der Dioptrien zunimmt.

Das kurzsichtige Auge ist anatomisch verändert – der Augapfel ist länger als die normalen 24 mm. Diese Verlängerung führt zu einer höheren Empfindlichkeit der Netzhaut. Dies kann zu Rissen in der Netzhaut führen und das Risiko für die Entstehung von Glaukom und Grauem Star erhöhen. Die Behandlung solcher Zustände ist bei kurzsichtigen Patienten komplizierter und führt häufiger zu Komplikationen. Besonders gefährlich für die Sehschärfe bei hoher Kurzsichtigkeit ist die myopische Makulopathie. Dabei handelt es sich um eine Erkrankung der Netzhaut, die häufig auftritt, wenn die Augapfellänge 26 mm überschreitet. Es entstehen degenerative Veränderungen an der Makula, dem zentralen Teil der Netzhaut, der für das scharfe Sehen verantwortlich ist. Solche Schäden können das Sehvermögen dauerhaft verschlechtern oder sogar zur Erblindung führen.

Neulich habe ich in meiner Praxis eine ehemalige Schulkollegin behandelt. Bereits in der Oberstufe hatte sie etwa -8 Dioptrien. Als das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit zum Stillstand kam, ließ sie sich ihre Dioptrien mittels Laseroperation korrigieren. Ich erinnere mich noch gut daran, wie glücklich sie war, als sie wieder scharf sehen konnte. Eine Laseroperation ist natürlich eine ausgezeichnete und langfristig effektive Methode zur Korrektur der Sehschärfe, auch bei relativ hoher Kurzsichtigkeit. Allerdings korrigiert ein solcher Eingriff nicht die Verlängerung des Augapfels. Alle Risiken für Augenerkrankungen im Alter bleiben trotz der Korrektur von Fehlsichtigkeit bestehen. Und so war es auch im Fall meiner Kollegin. Ihre hohe Kindheitsdioptrie führte zu einem relativ frühen Auftreten des Grauen Stars. Nach der Operation des Grauen Stars kam es jedoch zu Komplikationen. Ihr Sehvermögen verschlechterte sich unerwartet. Eine Untersuchung ergab, dass sich eine mit hoher Kurzsichtigkeit verbundene Netzhauterkrankung, die myopische Makulopathie, entwickelt hatte. Die Behandlung mit Anti-VEGF-Injektionen, die das krankhafte Gefäßwachstum in der Netzhaut hemmen, war glücklicherweise erfolgreich. Ihr Sehvermögen besserte sich bald durch die Therapie, aber die krankhaften Veränderungen der Netzhaut, die Folge ihrer hohen Kurzsichtigkeit in der Kindheit sind, bleiben bestehen. Gemeinsam hoffen wir nur, dass sie nicht weiter fortschreiten und sich ihr Sehvermögen nicht verschlechtern.

Heute verstehen wir die erhöhten Risiken für Augenerkrankungen bei hoher Kurzsichtigkeit immer besser. Unser fachlicher Blick auf die Probleme der Kurzsichtigkeit ändert sich grundlegend. Immer wichtiger werden die frühzeitige Erkennung und das Management des Fortschreitens der Kurzsichtigkeit. Glücklicherweise gibt es bereits einige wirksame Möglichkeiten, um das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit zu verlangsamen. Neuere Studien zeigen hervorragende Ergebnisse mit speziellen Brillengläsern mit peripherer Defokustechnologie (wie MiyoSmart-Gläser) und speziellen Kontaktlinsen (MiSight). Diese Hilfsmittel können das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit bei rechtzeitiger und konsequenter Anwendung um 50–60 % verlangsamen. Neben optischen Lösungen hat sich auch die Therapie mit niedrigen Dosen von Atropin-Augentropfen als wirksam erwiesen. Auch diese reduziert die Geschwindigkeit des Fortschreitens der Kurzsichtigkeit um bis zu 60 %. Besonders erwähnenswert ist, dass eine Reduzierung der Kurzsichtigkeit um nur eine Dioptrie im Kindesalter das Risiko für die Entwicklung einer myopischen Makulopathie um 40 % senkt. Die Weltgesundheitsorganisation stuft Kurzsichtigkeit daher als eine Krankheit ein, die mit dem richtigen Ansatz verhindert oder zumindest gemildert werden kann.